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Jörg Seidel

Ihn einen Konservator zu nennen, wäre allzu beqem. Eher schon ist der Bremerhavener Jörg Seidel, 37, so was wie ein Jazz-Chamäleon. Oder ein Restaurator. Oder eine Frischwindmaschine. Eine, die aus dem Norden in gleich zwei Richtungen pustet: Gitarre und Gesang. Als "deutschen John Pizzarelli" und als "Tal Farlow des Swing Revival" haben ihn Kritiker verklärt. Das ist nicht nur bequem, sondern meschugge. Unter anderem deshalb, weil Jörg Seidel genauso wenig in eine Schublade passt wie Mr. Beans Turkey in eine Mikrowelle.

Jörg Seidel ist ein autodidaktisches Faszinosum. Und es wäre wiederum zu bequem (wenn auch nicht meschugge), ihn als superben Swingrhythmiker irgendwo bei Marty Grosz oder gar Freddie Green zu sehen und als Gitarrensolist als eine Art Nürnberger Trichter des oft nostalgisch beschworenen "Golden Age of Jazz Guitar", das in seinem Falle völlig unzweideutig auf dieser Seite von Charlie Christian beheimatet ist. Endgültig schwierig wird die Standortbestimmung, wenn es um den Vokalisten Jörg Seidel geht. Denn mal ist der fast einer der "Gentlemen of Song" vom Schlage Tony Bennett, Mel Thorme oder Matt Monro, mal ein bisschen Chet Baker, hin und wieder Dean Martin oder Nat Cole und leider gar nicht oft genug ein Scat-König beinah aus dem Hause Eddie Jefferson. Wer etwa hört, wie er sich mit dem gelegentlich sanges- und ulk-freudigen Bassisten Jean-Louis Rassinfosse ein Scat-Duell liefert, ist auch - geliefert. Wer ihn als Gitarristen beispielsweise in Geiger Hajo Hoffmanns "Longing for Poan Sawang" und "Allegria atraz das Lagrinhas" hört, ebenfalls. Und Dean Martins Gassenhauer "Ev'rybody Loves Somebody" wird von Jörg Seidel natürlich meilenweit weg vom Original arrangiert. Und dann wieder, in "Return to Me", ist scheint alles - Gott hab' sie selig! - beste AFN'sche "Weekend World".

Er ist im Geschäft, und wie; und dem Business zum Trotze ist Jörg Seidel ein ausgezeichneter Musiker, der sich ganz offenkundig selbst blendend zu managen versteht und unermüdlich von "Projekt" zu "Projekt" zu hasten scheint. Jedes Jahr besteht für ihn, gemessen an den veröffentlichten Fakten, aus einem üppigen Raster solcher "Projekte". Ja, er ist ein autodidaktisches Faszinosum. Und er liebt Swing in allen Schattierungen, offenbar nach dem gar nicht so falschen Motto: Was Barry Manilov und Robbie Williams Recht ist, kann einem Manne aus der Zunft nur billig sein. Wie sprach doch einst Peter Herbolzheimer? "Wenn's nicht swingt, ist sowieso alles Asche." Kurzum und ohne Puter in der Mikrowelle: Was der Bremerhavener serviert, ob vokal oder gitarristisch, ist Tradition à la carte, aber immer ohne Schimmel. Und hat – seine Vita zeigt's - mit Trendreiterei gar nichts zu tun.

Die Musik für sich entdeckt Jörg zu einer Zeit, in der es uns im Allgemeinen alle trifft: als Teenager. Siebzehn ist er, als er im Bremerhavener Stadttheater den US-Bassisten Gary Peacock erlebt. Da hat er Django längst im Ohr, und praktizierende Sinti-Musiker in Bremerhaven haben den jungen Mann bereits in die hypnotisierenden Geheimnisse des Swing eingeweiht. Und dann gibt es downtown ja auch noch "Chico's Place". Der Klub existiert seit den Fifties, als junge Weser-Anrainer dort erstmals mit schwarzer amerikanischer Musik Bekanntschaft machen. Zu der Zeit, als Jörg sich dorthin wendet, finden sich im Klub auch so illustre deutsche Herrschaften wie der Posaunist Ed Kröger und der nachmalige Kontrabass-Professor Siggi Busch ein, etwa um bei Chico oder auch in der "Insel-Bar" dem Swing-Pianisten Harry Habla zu lauschen, der immerhin bereits beim Duke spielt hat und bald nach New York umsiedeln wird. Viel später, im September 1998, wird Jörg Seidel es hinbekommen, die älteren Herren und Geburtshelfer für seine eigene Karriere, zur großen Swing-Session ins Stadttheater einzuladen, zu einem Abend, wie er erklärt, an dem "sich Väter und Söhne musikalisch die Hände reichten." Muss heißen: Ein Ikonoklast, ein Umstürzler ist er also gewiss nicht, eher genau das, was seine Idee für den Stadttheater-Abend ausmacht: ein engagierter Mittler zwischen Gestern und Heute, mitnichten aber (um Jean Cocteau zu zitieren) "ein Ruderer auf dem Fluss der Toten".

Ende der achtziger Jahre ist er aus dem Teen-Alter heraus und entdeckt Tal Farlow, Wes, Benson und Jimmy Raney - woran vielleicht amüsant ist, dass Letzterer, ausgerechnet, ein ganzes Gitarristenleben lang äußerst wenige Akkorde gespielt hat.

Bereits sieben Jahre zuvor, 1991, gehört Seidel als festes Mitglied zur Bremer "Jazz-Session", in der auch Ed Kröger spielt, in dessen eigenem Quartett er bis Mitte der neunziger Jahre arbeitet. Zuvor schon hat er Michael Sagmeisters Jazzkurse in Remscheid und die von Karl Ratzer im österreichischen Klagenfurt besucht und ist von 1991 bis 1995 Co-Dozent von Ratzer. Zur gleichen Zeit organisiert und veranstaltet er eigene Jazz-Workshops zuhause in Bremerhaven, für die er als Dozenten solche Notabeln wie Sagmeister, Norbert Gottschalk und Jimmys zu der Zeit noch in Kopenhagen lebenden Sohn Doug Raney gewinnt. Er veranstaltet Konzerte, in denen Attila Zoller und Lee Konitz, Larry Coryell, Bireli Lagrene, Tom Harrell und andere gastieren. Und festigt so ganz nebenher auch noch seinen eigenen Status als professioneller Musiker, reist in verschiedenen Besetzungen quer durch Deutschland und Österreich und gibt eine Reihe Konzerte als Mitglied des Organ Jazztrios mit Organist Matthias Bätzel und Drummer Alexander Bätzel. 1995 spielt er sein erstes Album ein, "With Hands and Feet", 1996 sein zweites, "Hommage", mit dem Jazzgeiger Martin Weiss. Mit dem Berliner swingt er seit dem Vorjahr, und ebenfalls 1995 beginnt auch schon die Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Geiger Wedeli Köhler. Sie währt bis 1999 und bringt 1997 die CD "Swing Guitars" hervor. Der Titel ist Programm. Und das läuft und läuft und läuft.

Seit 1996 singt Jörg nun auch zunehmend coram publico. Und wird Finalist im bundesweit ausgeschriebenen Sängerwettbewerb der Hamburger Sängerakademie. Zwei Jahre später gewinnt er den Wettbewerb "Challenge '98" und gründet das Projekt "The Music of Nat King Cole". Im Folgejahr wird das Album "Meeting Mr. Cole" eingespielt. Und ein Festival folgt dem anderen – Burghausen, Kempten, Klagenfurt, Oldenburg, Herford und im Millenniums-Jahr die Gründung des Trios Strings mit Martin Weiss und Bassist Peter Klinke. Er tourt – als Sänger - mit dem Erich Kleinschuster Sextett, startet seine längerfristige Zusammenarbeit mit dem durch seine frühere Duo-Arbeit mit Juraj Galan längst als glänzend "gitarren-kompatibel" bekannten Bill Ramsey (Jörg Seidel Swing Trio & Bill Ramsey) und Peter Petrel (Power Swing Trio & Peter Petrel). Er tourt und singt mit der Österreicherin Ines Reiger (Ines Reiger & Thomas Huber Quintett, feat. Jörg Seidel [Vocals]). Im Jahr darauf, 2002, konzertiert er mit eigenem Quintett und Inga Rumpf und absolviert eine "Tribute to Oscar Peterson"-Tournee mit dem legendären amerikanischen Swing-Saxophonisten Harry Allen, während derer vor allem des schwergewichtigen Kanadiers Zusammenarbeit mit dem Saxophonisten Stan Getz gedacht wird.

Seit 2003 existiert nun Seidels aktuellste Gründung, das viel beschäftigte European Swing Trio mit Geiger Hajo Hoffmann und dem – speziell von Jazzgitarristen begehrten – Bassisten J.-L. Rassinfosse. Die Formation, im vorigen Jahr unter anderem Gast und Höhepunkt des Turiner Django Manouche Festivals, wie Seidel anmerkt, nimmt für sein ebenfalls im letzten Jahr ins Leben gerufenes Label Swingland Records eine CD mit dem etwas allzu verdrechselten Titel "It… mean a thing, if it … got that swing" auf. Mit dem Joe Dinkelbach Trio (Dinkelbach, p, Gerold Donker, b, Hannes Clauss, dr) spielt wiederum der Sänger Seidel die Dean-Martin-Hommage "lean on dean" für Swingland ein. Dritte im Swingland-Bunde ist, last not least, Seidels jüngste Veröffentlichung, "Introducing Natalie Dieah", für die er wieder Gitarre spielt (s. Aktuelle Produktion)..

Fürs laufende Jahr angekündigt sind eine von Jörg produzierte Duo-CD mit Ramsey und Rassinfosse, ein neues "Jazzprojekt" mit der Hamburger Sängerin Mary Roos und ein Album mit der in Brüssel lebenden Jazzsängerin Anca Parghel. Und wenn er mit seinem Swing Trio nicht gerade Nat King Cole aufführt, werden die drei wahrscheinlich Hommagen an die UFA-Hits der Dreißiger und Vierziger und, "Hallo, Jopie" an den Hunderter Johannes Heesters intonieren.

Und die Söhne werden den Vätern wieder einmal, dank Jörg Seidel, in bestem Einvernehmen die Hände reichen.

Alexander Schmitz

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