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Archtop-Germany Portraits Paul Shigihara
Warum gerade ich ein Portrait über ihn schreibe? Nun ich kenne Paul aus zweierlei Hinsicht, nämlich als Musiker und als Schüler (es war mir vergönnt ein paar sehr interessante Stunden bei ihm zu nehmen). Gerade in der Position des „wissbegierigen aufmerksamen Schülers“ merkt man recht gut, welches Potential unterhalb der „einfachen“ Spielebene zu finden ist. Wenn Paul innerhalb von Sekunden Stilistiken wechselt um etwas zu veranschaulichen, egal welche Stilistik oder welche Gitarrenart – immer ist alles an seinem Spiel absolut amtlich, aber auch eigen. Aber mal langsam. 1955 in Tokio geboren, wuchs er in den 60er Jahren im Rheinland auf. Mit neun beginnt er Gitarre zu spielen. Er hört das, was damals angesagt war wenn man an Gitarre interessiert ist: Beatles, Stones, Clapton, Hendrix usw. Als er Ende der 60er zum ersten Mal mit Jazzgitarre konfrontiert wird (Montgomery, Benson) ist er davon zwar angetan, aber er ist noch zu stark im Rock verwurzelt. Der Jazz holte ihn jedoch irgendwann wieder ein. Er beginnt autodidaktisch klassische Gitarre zu spielen; ein Unterfangen, das in einem Studium der klassischen Gitarre, der Barocklaute und der klassischen Musik münden sollte. Auch während seines Studiums hat Paul weiterhin seine Ohren für alles offen: Rock, Jazz; er spielt alles, empfindet alles als „Musik“, grenzt nicht streng ab. Er beginnt in einem Ensemble für mittelalterliche Musik, findet aber bald heraus, dass seine persönliche Entwicklung größeren Spielraum braucht und wendet sich endgültig dem Jazz zu; zunächst wieder autodidaktisch. Er hört Montgomery, Pass, Metheny und nimmt alles in sich auf. Goodrick beeindruckt ihn. Er geht nach Köln, wo sich Ende der 70er Jahre eine eigenständige Jazzszene etabliert, ist Gründungsmitglied der Jazzhausinitiative.
Anfang der 80er geht er über den großen Teich, nach Berklee, und bleibt dort für ein Jahr. Zurück in Köln lernt er Charlie Mariano kennen und spielt seitdem in verschiedenen Formationen mit ihm zusammen. Er wird der erste Jazzgitarrendozent an der Hochschule, fühlt sich in der Rolle des Unterrichtenden jedoch nicht allzu wohl und bricht diese Tätigkeit nach einem Jahr ab. Das Unterrichten wird auch im weiteren Verlauf seines Lebens immer im Hintergrund bleiben, er gibt nur vereinzelt Stunden, für Leute, „bei denen es sich lohnt“. Die Kölner Szene wird immer lebhafter, Paul findet immer wieder wichtige Kontakte. Er lernt Dave Liebmann kennen, geht mit Sam Rivers (Ex-Miles Davis Band) auf Tourneen. 1985 kam er dann mit Charlie Mariano erstmals zum WDR. Dort beeindruckt er durch sein können und durch die Fähigkeit des „vom Blatt Spielens“. Er bekommt Gelegenheit Krankheitsvertretung in der WDR Big Band zu machen; die erste Produktion ist mit John Scofield, den Paul auch schon durch Workshops kannte. Den Job des Urlaubs- und Krankheitsverteters in dieser außergewöhnlichen Big Band wird er bis 1999 behalten. Zwischenzeitlich macht er weiter auch Studioarbeit, schreibt Filmmusik, spielt mit Doldinger und geht 1989 erneut für ein Jahr nach Amerika, diesmal ins Zentrum des Jazzgeschehens, New York. 1999 bekommt Paul die Stelle des Gitarristen der WDR- Big Band. Von nun an ist er eingebunden in die engen Termine der Band und arbeitet mit Superstars der Jazzszene. Die Brecker Brothers, Zawinul, Di Rivera… Aber auch da geht immer noch was nebenbei. Shigihara ist längst selbst ein bekannter und gerne gehörter Musiker. Er tourt mit John Lord, Joe Zawinul uva. In der Schweiz kommt es zu einem interessanten Sessionkonzert: Er spielt mit John Lord, Roger Glover und Ian Paice Deep-Purple-Nummern. Bei solch verschiedenstem Background ist es nicht verwunderlich, dass Paul Shigihara einen ganz eigenen Stil hat, etwas, dass einfach nahezu alles vereint. Er ist ein sehr eigenwilliger und sehr virtuoser Gitarrist. Ich halte ihn für einen der komplexesten Musiker überhaupt. Allein die Tatsache, dass er alles mit den Fingerkuppen zupft, ist sehr interessant. Es ist sehr schade, dass er kaum eigene Aufnahmen gemacht hat, er ist einfach zu beschäftigt. Sein heutiges Arbeitsfeld lässt ihn in etwa 50% Archtop spielen, er hat eine sehr schöne alte Gibson Super 400. In der WDR-Big Band spielt er ebenfalls eine Super 400, die aber dem Sender gehört. Bleibt zu hoffen, dass Paul Shigihara die Zeit findet, seine eigene Musik irgendwann einmal aufzunehmen. Andreas Polte
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